Ligurien auf neuen Wegen
Die Gäste geben sich mit schöner Küste und Gaumenfreuden nicht mehr zufrieden
Von Konrad Jahr
Ligurien ist mit seinen zerklüfteten Meeresküsten, den steil aufragenden Bergketten zwischen Alpen und Appennin und den fruchtbaren Tälern zweifelsohne einer der schönsten Landstriche Europas. Berühmte italienische Orte wie Portofino, Rapallo oder Sestri Levante locken alljährlich Tausende von Touristen an. Auch die Küstenorte Camogli, Santa Margherita, Lerici und Portovenere gehören dazu.
Über Besuchermangel klagen die Ligurier nicht. Dennoch: "Keiner unserer ausländischen Gäste gibt sich noch mit den üblichen touristischen Angeboten zufrieden. Es reicht schon lange nicht mehr, schöne Küste, bestes Essen und gute Weine zu bieten. Heute müssen wir neue Wege gehen." Gian Guido D'Amico, Leiter des ligurischen Amtes für Touristik, weiß, wovon er spricht. Besonders deutsche Gäste seien seit zwei, drei Jahren qualitäts- und preisbewußter geworden. Die Touristikbranche in Ligurien hat sich auf diesen neuen Trend eingestellt. Neben den Standard-Angeboten gibt es inzwischen an der italienischen Riviera zahlreiche interessante Programme, die oft sehr individuell zusammengestellt werden.
Dazu zählt beispielsweise die "Erschließung" der Cinque Terre - fünf ehemaliger Fischerdörfer auf dem 18 Kilometer langen Küstenstreifen zwischen Monterosso und Portovenere. Ihr besonderer Reiz besteht darin, daß sie wegen der schmalen, kurvenreichen Straßen nur schwer mit dem Auto zu erreichen sind. Am besten erschließt sich die beeindruckende Landschaft mit der Eisenbahn oder zu Fuß. Kein Wunder also, daß es immer mehr Reisende in die pittoresken Orte zieht.
Neben weniger anstrengenden Spaziergängen wie beispielsweise über die Via dell' Amore von Manarola bis nach Riomaggiore kann man auch ausgedehnte Wanderungen unternehmen. Wichtig dabei ist immer eine aktuelle Karte, da viele Wege neu trassiert werden oder alte Wege mittlerweile überwuchert sind. Ungewohnte Blickwinkel erschließt eine Bootsfahrt, die stündlich von Portovenere nach Monterosso an der Felsenküste entlang führt.
Wer Glück hat und sich beizeiten anmeldet, findet in einem der malerischen Cinque-Terre-Orte Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola sowie Riomaggiore eine Herberge. Private Unterkünfte werden über Cafés und Läden vermittelt. Wildes Campen ist überall verboten.
In den Cinque Terre gibt es keine antiken Tempel und auch keine Renaissance-Paläste. Dafür bezaubert das Spiel von Wind, Wellen und Landschaft jeden, der seinen Fuß dahin setzt.
Ein Besuch in der Weinkooperative von Groppo, wenige Kilometer nördlich von Manarola, ist sehr lohnend. Dort gibt es den berühmten Sciacchetràt, einen handverlesenen ligurischen Süßwein, der aus getrockneten Trauben gewonnen und nur in den Cinque Terre gekeltert wird. Die Weingüter sind im Besitz der ansässigen Familien. Halsbrecherisch sind die steilen Fahrten in die Weinberge mit den einschienigen Zahnradbahnen, die sich wie Würmer durch die Hänge schlängeln.
Ein neues touristisches Ziel ist seit kurzer Zeit auch das Schiefertal von Fontanabuona im Landesinneren. Die Schieferbergwerke liegen lediglich rund 30 Kilometer von der Küste bei Rapallo entfernt. Zur Zeit wird mit Mitteln der EU und der Region Ligurien ein auf insgesamt sechs Etappen und Orte verteiltes Schiefermuseum gestaltet. Neben einem Schieferbruch in Aveno gehört das Schiefermuseum in Ferrada di Mocònesi ebenso dazu wie die Werkstätten in Cornia oder Isolona.
Hauptabnehmer des Schiefers sind die Amerikaner. "Ohne Fontanabuona-Schiefer keine Billardtische", erzählt stolz der Museumsdirektor. Zur Zeit werden noch zwei stillgelegte Bergwerke für Besucher hergerichtet. Für Mitbringseljäger gibt es in Chiapparino ein Verkaufszentrum, wo eine Vielzahl von Gebrauchs- und Kunstgegenständen aus Schiefer zu mäßigen Preisen angeboten werden.
Zu den neuen Angeboten für ausländische Gäste zählt auch der Besuch in Liguriens einziger Damastweberei in Lorsica.
Erstaunlich, daß relativ wenige der deutschen Ligurien-Besucher den Weg in das "Imperiale Palace Hotel" in Rapallo finden: Hier wurde am 16. April 1922 zwischen Deutschland und der Sowjetunion der Vertrag unterzeichnet, der maßgeblich die weitere Entwicklung Europas nach dem Ersten Weltkrieg beeinflußte. Der Raum mit dem Original-Interieur, in dem Walther von Rathenau und Georgij Tschitscherin das Dokument unterzeichneten, ist heute noch zu besichtigen.
©Berliner Morgenpost 1997
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