Süddeutsche Zeitung – Nr. 221 – 25. September 2001 – Seite V2/10
Sprung auf die Bugwelle
Vor der Küste Genuas beobachten Touristen Delphine und Wale.
Wenn Urlauber erstmalig an die ligurische Küste reisen, denken sie an Badefreuden und wohl auch an frische Kalamari. Richtig große Meerestiere vermuten dort wenige. Doch bereits die alten Römer wußten, dass das ligurische Meer ein Paradies für Wale und Delphine ist. So nannten sie den westlichen Teil der ligurischen Küste „Costa balaenae“, Küste der Wale. Und der Name des Nobelortes „Portofino“ an der ligurischen Küste bedeutet nicht etwa „feiner Hafen“, sondern leitet sich ab vom römischen „portus delphinus“, Hafen der Delphine.
Warum fühlen sich Delphine und Walen hier so wohl? Vor wenigen Jahren entdeckten Meeresbiologen, dass in diesem Gebiet wegen seiner Tiefseegräben und besonderen Strömungen der Tisch für Wale und Delphine reich gedeckt ist: Es gibt dort jede Menge Fische und kleine Krebstierchen.
„Ein 96000 Quadratkilometer großes Gebiet entlang Genuas Küste ist seit kurzem internationales Schutzgebiet für Meeressäuger“, informiert Barbara Bonsignori die Waltouristen an Bord der „Superba“. Die Meeresbiologin, Mitarbeiterin der World Wildlife Found (WWF), erklärt den 200 Passagieren auf dem Boot, dass in diesem Gebiet sieben Walarten regelmäßig zu sehen sind. Doch wo haben sich die Riesen versteckt? Seit fünf Stunden ist das Schiff unterwegs, ohne dass ein einziger von Moby Dickes Verwandten seine Schwanzflosse aus dem Wasser gestreckt hätte. Einige Waltouristen werden nervös, sie fragen sich, wofür sie eigentlich 65000 Lire bezahlt haben. Aber eine Waltour beinhaltet keinen Garantieschein dafür, Wassertiere zu Gesicht zu bekommen.
Plötzlich empfängt der Kapitän einen Funkspruch von einem anderen Beobachtungsboot – die „Superba“ saust an die Stelle, wo eben Delphine mit blau-weißer Färbung gesichtet wurden. Und da, ein ovaler Schatten unter Wasser, dann zwei, drei, vier. Nun geben die Wasserakrobaten ihre Vorstellung mit verschiedenen Salti. Und immer wieder lassen sie sich von der Bugwelle durchs Wasser tragen.
Und endlich tauchen auch Wale auf. Es handelt sich um Schnabelwale mit einer Körperzeichnung, die an Hieroglyphen erinnert. Um das Tier nicht zu stören, schaltet der Kapitän den Motor ab, Barbara spricht mit Flüsterstimme ins Mikrofon. Die Schnabelwale kommen bis auf wenige Meter heran. Deutlich hört man ihr Atmen, besser gesagt Blasen.
Jetzt sind die Waltouristen glücklich. Gegen Ende der zwölfstündigen Fahrt können sie sogar noch einen großen Thunfisch und einen Mondfisch bewundern.
Süddeutsche Zeitung – Nr.221 – 25. September 2001 – Seite V2/10 – Stefan Burger
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