Süddeutsche Zeitung – Nr. 221 – 25. September 2001 – Seite V2/10

Im Rausch der Tiefe

Im größten Aquariums-Gebäude Europas, dem Acquario di Genova, haben Besucher hautnahen Kontakt zu Wassertieren

Wenn Schauspieler Jean-Marc Barr in der Rolle des berühmten Tauchers Jacques Mayol nicht gerade mit seinem Rivalen Enzo wetteifert, vollführt er weit unter dem Meeresspiegel ein Tänzchen mit Delphinen. Luc Bessons Film „Im Rausch der Tiefe“ aus dem Jahre 1988 brachte eine Welle der Begeisterung für das Leben in der mystisch-blauen Welt des Ozeans ins Rollen. Nun ist ein IMAX-Film mit ähnlicher Thematik aufgetaucht. „OceanMen“ feierte Anfang September in München Premiere. „I like diving with sharks“ – „Ich mag es mit Haien zu tauchen“, sagt einer der Protagonisten, der Kubaner Pipin Ferreras, in dem Dokumentarstreifen.

Nun liegt es gewiss nicht jedem, sich als „Oceanman“ in die Tiefe zu schwingen. Wenn man aber dennoch die maritime Fauna und Flora erkunden möchte? Man kann dies auch trockenen Fußes tun: Eine der Hauptattraktionen des Acquario di Genova sind vier riesige „oceanic pools“, in denen sich Haie, Delfine und Seehunde tummeln. Mit 10000 Quadratmetren Ausstellungsraum und 600 verschiedenen maritimen Arten ist das Acquario das größte Aquariums-Gebäude in Europa. Den von außen unscheinbaren schiffsförmigen Bau am Porto Antico, dem alten Hafen von Genua, hat Star-Architekt Renzo Piano 1992 gebaut – quasi als fortdauernde Hommage an den Seefahrer Christoph Kolumbus.

Über 60 Becken zeigen verschiedenen Wasserlandschaften, deren Bewohner jährlich etwa 20000 Kilo Fisch und Schalentiere vertilgen. Ständig kommt im Acquario Neues hinzu: „250 Milliarden Lire haben wir schon investiert“, sagt Paolo Bertelli, der im Acquario für Marketing zuständig ist. Bis zum Dezember wird „Das große Mittelmeer-Riff“ vervollständigt, das Seepferdchen, Tintenfische, Katzenhaie und weniger bekannte Arten, wie der „Priesterfisch“ oder der „Große Heuschreckenkrebs“ bevölkern.

1,2 bis 1,5 Millionen Menschen besuchen im Schnitt jedes Jahr das sich laufend wandelnde Museum. Gleich nach den Ausgrabungen von Pompeji ist es Italiens meist besuchte Touristenattraktion. Das liegt wohl auch am Geschäftssinn des Museumschefs Guiseppe Costa. Der Privatunternehmer propagiert das Konzept des Edutainment, sprich die Verbindung von Erziehung und Unterhaltung. Es gibt ein großes 3-D-Kino, auch der Touch-Pool ist eine Variante Edutainment zu verwirklichen: Rochen gleiten von einem Beckenrand zum anderen; sie sind offenbar sehr kontaktfreudig. Die Besucher hängen ihre Hände ins Wasser, und die Rochen schmiegen sich mit ihren weichen, glibberigen Körpern in die Handinnenflächen. „Bis März 2002 wollen wir noch einen Touch-Pool einrichten, wahrscheinlich mit einer Art Hai“, verrät Bertelli.

Die Touch-Pools gefallen den Besuchern, wie Museumschef Costa weiß. „Wir machen ständig Kundenbefragungen, um mehr über die Wünsche der Besucher zu erfahren“, sagt der dunkellockige Sunnyboy. Deshalb gibt es nun auch einen Schaukasten mit Kolibris.

Mit der Kundenorientierung kann man es aber auch übertreiben. Zum Acquario gehört ein Food-and-Shopping-Mall, außerdem ein Museumsshop, wo es Scheußlichkeiten wie Duschgel in einer Comic-Pinguin-förmigen Flasche zu kaufen gibt. In Vitrinen hängen Werbezettel für eine Nudelfirma. Am Eingang können sich die Besucher neben einem mannsgroßen Plüschpinguin ablichten lassen und die Fotos anschließend erwerben. Die echten Pinguine sehen nicht so glücklich aus wie die Plüschtiere. Schläfrig hocken sie in ihrem beengten Domizil auf den Felsen, versenken sich hin und wieder im trüben Wasser zu ihren Watschelfüßen.

Das Anordnungs-System der Areale ist schwer nachvollziehbar: Eine Weile, nachdem der Ozeananbeter die technische Entwicklung des Tieftauchens erlebt hat, landet er „in Madagaskar“, dann unmittelbar beim Touch-Pool. Die Rekonstruktion einer Lagune auf der afrikanischen Insel Madagaskar ist eine der lebendigsten Abteilungen im nachträglich eingefügten „Blue Ship“. Die Lagunen-Landschaft bewohnen zum Beispiel feuerrote Frösche, die sich in Erdhöhlen einnisten; auch Chamäleons klettern hier herum.

Lobenswert ist, dass das Acquario die Besucher für den Umweltschutz sensibilisiert. Sie erfahren zum Beispiel, was für verheerende Folgen die massive Abholzung für das Ökosystem auf Madagaskar hatten.

Anders als die Flossentiere, die sich in die Weite des Meeres zurückziehen können, leben ihre Kollegen im Acquario als Stars in Showrooms. Oft kleben Menschentrauben an den Scheiben ihrer wassergefüllten Behausungen, Babys betatschen mit ihren Fingerchen das Glas. Die Grüne Meeresschildkröte gibt sich aber gleichmütig. Zum einen ist die Riesin durch eine 15 Zentimeter dicke Glaswand von ihren Bewunderern getrennt, zum anderen kann sie sich in ihr Felsenhöhlen-Refugium verkrümeln. Auch die Seehunde lassen sich vom Blitzlichtgewitter nicht beeindrucken, sie dösen auf Felsen-Plateaus und schenken den Besuchern ab und zu einen Blick aus ihren schwarzen Knopfaugen. Mikrofone übermitteln den Touristen, wie die Acquariumsbewohner kommunizieren. So kann man auch die Quietsch-Töne der Delphine unter Wasser hören.

Hinter den Kulissen bewegen sich noch viele andere Meeresbewohner. In 100 weiteren Becken leben Tiere, die sich erst hier akklimatisieren müssen – oder Patienten. „Für die Behandlung von Meerestieren sind wir die beste Adresse im ganzen Mittelmeerraum“, erklärt Bertelli stolz.

Vor kurzem wurde ein Delphin aus einem privaten Delphinarium per Helikopter in Acquario eingeliefert. „Er hatte sich die Nase gebrochen, und sein Leben hing am seidenen Faden“, sagt der Marketing-Beauftragte. Inzwischen sei Flippers Artgenosse wieder quietschfidel – im wahrsten Sinne des Wortes.

Süddeutsche Zeitung – Nr. 221 – 25. September 2001 – Seite V2/10 – Stephanie Schmidt
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